Meldungen
Der Zeitschrift „Die Erlanger Universität. Akademische Monatsblätter“ entnehmen wir eine nicht datierte, dennoch bedenkenswerte Stellungnahme des Rektors Baumgärtel zu einem Thema, das im deutschen Studentenleben seit einigen Jahrhunderten aktuell geblieben ist und ebenso lange Kritik hervorruft: „Die Frage nach der Gestaltung von studentischen Vereinigungen bewegt nur einen sehr kleinen Teil der studentischen Massen von heute. Umso lebhafter ist das Interesse universitätsfremder Kreise an diesen Dingen. Die Öffentlichkeit wird durch Presse und Rundfunk immer wieder auf dieses Problem als ein höchst wichtiges und gefährliches aufmerksam gemacht. […] Die Welt außerhalb der Universität beschäftigt sich mit der Geschichte der Studentenverbindungen außerordentlich und deutet sie oft genug und mit scharfen Worten als eine Fehlentwicklung, die zu ihrem Teil mit verantwortlich sei für die Katastrophe unseres Volkes [im sog. Dritten Reich].“
„In einer Berliner Zeitung erschien vor einiger Zeit eine Bildkarikatur, in der ein Zug Erlanger Professoren dargestellt wurde, die teils in Naziuniform, teils in Offiziersuniform einherschritten. Eine satanische Lüge! Die andere Lüge, daß es in unserer Studentenschaft heute allerorts rumore und brodle von Umtrieben auf Bildung mensurschlagender reaktionärer Corps, reiht sich ihr würdig an die Seite. Es gibt überall schwarze Schafe, gewiß auch unter den heutigen Studenten. […] Die schwarzen Schafe sind eine biologisch bedingte und deshalb nicht völlig zu beseitigende Tatsache. Daß die politische Propaganda ihrerseits mit schwarzen Schafen durchsetzt ist, ist in diesem Falle eine für die Universität und unsere Studenten recht üble Gefahr, weil das Gift der politischen Diffamierung nicht ohne Wirkung zu bleiben pflegt.“

„Umso wichtiger ist, daß wir innerhalb der Universität diesen Dingen nicht interesselos gegenüberstehen, daß wir ernstlich darüber wachen, daß nicht Mangel an Verantwortungsbewußtsein und an Einsicht bei winzigen Gruppen der Studentenschaft Gefahr für das Universitätsganze heraufführt.“
„Um jene Gefahr zu bannen, hat der Senat der Universität Erlangen auf Antrag des Rektors [Baumgärtel] einmütig beschlossen: 1. jeden Studenten, der sich an einer Mensur beteiligt, unnachsichtlich von der Universität zu verweisen und 2. das Farbentragen (auch das interne) zu untersagen. Sollte diese Maßnahme hie und da, besonders bei den ‚Alten Herren‘ nicht verstanden werden, so kann das nur zusammenhängen mit einer völligen Verkennung der heutigen Situation.“
„Es ist dem Geist der Universität, dem Geist nüchterner, sachlicher Klarheit nicht entsprechend, sich in romantischer Beseligtheit einem Lebensgefühl hinzugeben, das in der heutigen Lage unseres Volkes keine Basis mehr hat, das völlig unsachlich und wirklichkeitsfremd ist.“
„Der Nationalsozialismus hat die studentischen Zusammenschlüsse sämtlich (es gab ja nicht nur die so viel angefochtenen ‚studentischen Corps‘!) zerschlagen. Er hat dies sehr zielbewußt getan. Wie im ganzen Leben des Volkes, so konnte der Nationalsozialismus auch auf dem Boden der Universitäten bestehende Vertrauenskreise nicht dulden. Nun marschierten auch die Studenten in Kolonnen. … Das Kommando hat aufgehört, die Kolonnen sind aufgelöst, und nun haben wir die Studentenschaft als eine große ungegliederte Masse. Hier liegen die eigentlichen Gefahren für das Universitätsleben.“
„Studium allein tut es nicht. Leben vollzieht sich in Gemeinschaft. Auf sie hin ist der Mensch geschaffen. Non scholae sed vitae discimus, und ‚Leben‘ ist hineingebundensein in Gemeinschaft. Freundschaften, menschliche Nähe, gegenseitig vertrauender Austausch gehören in das Studentenleben hinein, wenn es Kräfte entwickeln, wenn es vorbereitend sein soll auf das Berufsleben, für den Dienst an der Gemeinschaft. Wie diese Vertrauenskreise aussehen sollen, das ist eine andere Frage. Hier kann nicht geplant, nicht vorgeschrieben, nicht reglementiert werden. Derlei muß sich spontan gestalten, wenn es echt sein soll. Es kann nichts empfohlen werden, am wenigsten von seiten der akademischen Lehrer.“
Letzterem stimmen wir zu. Der auszugsweise zitierte Artikel erschien in einer „Ferien-Ausgabe, 3. Jahrg. [o.D., 1949] Nr. 5/6“ der Erlanger „Akademischen Semesterblätter“. Der Verfasser Prof. Friedrich Baumgärtel (1888–1981) war evangelischer Alttestamentler. 1922–28 hatte er in Rostock, 1928–37 in Greifswald gewirkt, 1937–41 in Göttingen – auf den Lehrstuhl gewählt, obwohl nicht NSDAP-Mitglied. Er wandte sich nach dem Krieg literarisch gegen Kirchenkampf-Legenden und galt als Gegner der ‚Bekennenden Kirche‘ Dietrich Bonhöffers, der sich aus seiner Sicht von den ‚Deutschen Christen‘ zu wenig distanziert hatte. Auch die Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten kritisierte er. Von 1941 bis 1956 hatte er einen Lehrstuhl an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen; 1948/49 und 1949/50 war er Rektor.
Zum politischen Hintergrund: Am 21. Sept. 1948 wurden nach einem Rundschreiben des Bayer. Staatsministeriums des Inneren an die Stadträte der Universitätsstädte schlagende Verbindungen lt. Direktive der Militärregierung (Nr. 23 § 2) scharf abgelehnt; frühere Fechtböden sollten scharf überwacht werden. Auch zugehörige Altherrenvereine wurden nicht gestattet. Das verhinderte nicht, dass bereits im Dezember 1948 anlässlich des Thomastages in Nürnberg mehrere Philistervereine mit einigen Hundert Teilnehmern tagten. – Im Dezember 1951 riefen katholische CV-Verbindungen im „Bonner Farbenstreit“ mit Unterstützung des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC) erfolgreich das Verwaltungsgericht an. – Anfang Juli 1952 billigte das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus die Auffassung der FAU Erlangen, wonach die Zulassung studentischer Vereinigungen Angelegenheit der universitären Selbstverwaltung sei. Scon am 16. Juli verabschiedete der Erlanger Senat ein neues Korporationsgesetz, das kein Verbot der Bestimmungsmensur mehr enthielt. Am 19. Januar 1953 entschied der Bundesgerichtshof, dass die Bestimmungsmensur kein Zweikampf mit tödlichen Waffen und deshalb nicht strafbar sei.
Einst und Jetzt

Das Titelbild des neuen Jahrbuches 2026, 71. Folge von „Einst und Jetzt“, stellt Jenaer Studenten um 1734 dar, die dem mehrfachen Rektor, Arzt und Naturforscher Carl Friedrich Kaltschmied nach einem Fackelzug ein Ständchen singen. Die Titelgouache Band stammt von einem bisher unbekannten Universitäts- und Wappenmaler, Johann Georg Engau. Über diese Neuentdeckung berichtet eine Jenaer Kunsthistorikerin, Frau Dr. Wilfriede Fiedler. Dazu unsere Inhaltsangabe, die hier folgt:
Gatscher-Riedl, Gregor: „Sprache schafft Bewusstsein.“ Nathan Birnbaum, der farbenstudentische Verein Jüdische Kultur und die Czernowitzer Sprachkonferenz 1908
Neubert, Michaela / Stickler, Matthias: Zum Brauchtum von Studenten- und Schülerverbindungen. Neuerwerbungen im Institut für Hochschulkunde
Knof,Martin: Kaulbachs Reineke Fuchs, Literarisches Porzellan von Göttinger Porzellanmalern
Fiedler,Wilfriede: Jenaer Stammbuchmotive des 18. und frühen 19. Jahrhunderts
Amberger, J. Christoph: Das studentische Stoßfechten im 16. und 17. Jahrhundert von Salvator Fabris [Padua] bis Gottfried Kreussler [Jena]
Brix, Andreas / Lankisch, Paul Gerhard: Die deutsch-baltischen Mensuren
Hümmer, Hans Peter: Die Stammbücher Wilhelm Wallrave v. Renesse aus Kleve am Niederrhein (Halle 1794 – 1796) und das Kränzchen der Westphälinger
Mühlberg, Samuel: „Dulce et decorum est!“ Die Landsmannschaft Helvetia am Polytechnikum Karlsruhe (1850 – 1872)
Jacobs, Peter: „Ein Schriftleiter lebt gefährlich!“ Das Technikum Einbeck und die Bierzeitungen der Unitas (1873 – 1875)
Hümmer, Hans Peter / Herrlein, Jürgen: Fidele Tage in der Festung Oberhaus, genannt Tollhaus Passau, wegen des Vergehens des Zweikampfes
Grün, Bernhard: Faszination Fliegen – vom Gleitflug zur Mondlandung. Die Fliegerschaft Marcho-Silesia Breslau
Schlimper, Malte / Diedler, Heinrich: Briefe des Cherusker-Corpsdieners Karl Lutasik aus schwerer Zeit (Berlin 1946 – 1950)
Platzer, Peter: Nachruf für Peter Hauser
Oppermann, Christian: Nachruf für Harald Lönnecker
Der Verein für corpsstudentische Geschichtsforschung gibt seit seiner Gründung das Jahrbuch Einst und Jetzt heraus. Erstmals erschien es 1956. Seitdem hat sich die Reichweite kontinuierlich vergrößert, vor allem in wissenschaftlichen Bibliotheken erfreut sich diese an der ältesten Verbindungsform ausgerichtete, aber alle Korporationen im Blick behaltenden Forschungsplattform steigender Akzeptanz. So hat sich unser Jahrbuch zur Quelle des Wissens über die Korporationen allgemein und die Corps speziell entwickelt – für Freunde und Kritiker gleichermaßen.

Anläßlich der Mitgliederversammlung 2025 entstand dieses Bild des VfcG-Vorstands. Vorsitzender: Prof. Dr. Martin Dossmann Guestphaliae Bonn, Isariae, Rhenaniae Freiburg (mittig), sodann v.l.n.r. Thomas Heglmeier Alemanniae München, Prof. Dr. Hans Peter Hümmer Onoldiae, Dr. Joachim Grub Saxoniae-Berlin zu Aachen, Marchiae Brünn zu Trier, Dr. Sebastian Sigler Masoviae Königsberg zu Potsdam, Guestphaliae Halle.

Mitgliederversammlung 2025 des VfcG im Refektorium der Wachenburg über Weinheim
Pfeifenköpfe bergen viele Geheimnisse – angefangen von den Herstellungstechniken des Porzellans seit der Shang-, Han-, Tang- und Ming-Zeit für den chinesischen Kaiserhof. Näher liegt dem heutigen akademischen Pfeifenkopfologen die heimische Porzellanmalerei, die seit dem späten 18. und zahlreicher ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf studentischen Dedikationsartikeln wahre (Klein-)Kunstwerke vollbrachte. Hier überschneiden sich Sammelgebiete nicht selten mit Forschungsbereichen der Kunstgeschichte und ernster, wissenschaftlicher Heraldik.
Die Anfänge der studentischen Wappenkunst – mit Betonung auf Kunst! – sind in den Werkstätten von Porzellanmalern zu finden. Im Jahrbuch Einst und Jetzt Bd. 70 findet sich ein von der Kunsthistorikerin Michaela Neubert bearbeiteter Katalog der „Sammlung Langhans“ im Institut für Hochschulkunde an der Universität Würzburg. Ohne Übertreibung kann gesagt werden: Wer diese Sammlung kunstvoller Vorlagen nicht kennt, sollte nicht über die Anfänge studentischer Heraldik, ihre reichen Traditionen und bunten Facetten sprechen und schreiben – noch urteilen über den reizvollen Seitenweg der Geschichte, in die uns der Archivar und Historiker Gregor Gatscher-Riedl einführt: Vorbilder studentischer Wappen fand er schon bei der Natio Germanica in Bologna im späten 15., die Blütezeit datiert ab der Mitte des 19. und besonders viele Reformideen finden sich im frühen 20. Jahrhundert.

Links: Wappen der Rhenania Freiburg, Entwurf für einen Pfeifenkopf, Sammlung Langhans, Würzburg; mittig: Pfeifenkopf des Corps Franconia-Jena zu Regensburg, hier: Hoftag des Gefürsteten Grafen zu Henneberg-Wöllnitz, wohl 1829, Sammlung Kortmann, Lemgo; rechts: Entwurf für einen Pfeifenkopf des Corps Isaria, im Hintergrund die Silhouette Landshuts, Sammlung Langhans.
Auf diesem Gebiet verbünden sich kritische (Fach-)Historiker mit (Fach-)Heraldikern: Letzteren sträuben sich die Haare angesichts häufiger Stilbrüche, künstlerischer Freiheiten und Parodien in studentischen Wappen. Der Universitätsbibliothekar und (Fach-)Historiker Wilhelm Fabricius verwies schon im „akademischen Wappenstreit“ um 1900 darauf, dass studentische Korporationen besondere Traditionen pflegen und selbsternannte (Fach-)Heraldiker ihren eigenen folgen sollten. Man hätte allseits verbindlicher agieren, Fehler zugeben und korrigieren können. Einige korporierte Fachleute wie Friedrich Frhr. von Gaisberg-Schöckingen (1857 – 1932) Franconiae München und der Maler Adolf Cloß (1864 – 1938) Franconiae Tübingen bemühten sich redlich um Reformen: Weitgehend vergeblich! Der para-heraldische Wildwuchs blüht bis heute. Wir lieben ihn trotzdem!
Mitgliedschaft
Werden Sie Mitglied im Verein für corpsstudentische Geschichtsforschung e.V.! Alle Damen und Herren, die sich für Hochschul- und Studentengeschichte interessieren, sind herzlich willkommen. Aber vielleicht liegt es Ihnen auch am Herzen, die große, seit dem Spätmittelalter bekannte Tradition der studentischen Gesellung zu fördern? Auch dann sind Sie hier an der besten Adresse! Die Mitgliedschaft ist nicht von der Zugehörigkeit zu einer Studentenverbindung oder einem bestimmten Korporationsverband abhängig.
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500 Jahre Salzburger Stier
Nicht wenige Corps- und andere Waffenstudenten sind, wie schon die Namen in den Mitgliederlisten zeigen,…
„Zeuch‘ in fernes Land und denk‘ unsers Bunds hienieden!“
Der Abschied vom Studienort bewegte unsere akademischen Vorfahren weitaus mehr als uns heute, wusste man…







